Arnsdorf Hauptstraße Winter 2024

(K)Ein Weihnachtsmärchen

Es war einmal ein kleines Dorf in einem Land, das unterging und in ein großes Land aufgenommen wurde. Bevor das Land unterging, hatte das kleine Dorf ein großes Kino, mehrere Gaststätten, Fleischer, Bäcker, Kaufläden, eine Drogerie, Haushaltgeräteladen, Elektro-Laden, zwei Schulen, einen großen Bahnhof mit einem großen Bahnhofsgebäude, von dem aus Züge in alle vier Himmelsrichtungen und eine kleine Eisenbahn auf dem Dachboden fuhren, viele  fleißige Handwerker und deren Gesellen, eine bäuerliche Handelsgenossenschaft, und viele von Bauern bewirtschaftete Flächen. Viele Menschen aus dem kleinen Dorf fuhren auch zum Arbeiten in die nahe Stadt und bauten dort in großen Fabriken Fernsehgeräte, Funk-Geräte, Rechner oder Karosserien für Autos.

Für ihr kleines Dorf bauten die Bewohner eine Antennenanlage, um endlich auch das zu sehen, was weiter westlich alle sehen konnten. Es wurde gebuddelt und gebohrt, Antennenkabel durch Straßen, Grundstücke und Abwasserrohre gelegt, alle machten in irgendeiner Form mit und halfen sich gegenseitig. Das Ganze war in dem kleinen Land genehmigungsfrei, vermutlich, weil das niemand genehmigt hätte. Deshalb dauerte das auch nicht lange und es war eine große Freude unter allen Bewohnern des kleinen Dorfes, als endlich alle das sehen konnten, was weiter westlich alle sehen konnten.

Die Faschingszeit fand – wie passend – immer in der „Hoffnung“ – vermutlich auf Besseres – statt und auch ansonsten waren die Gaststätten gut besucht.

Als auch das kleine Dorf in das große Land aufgenommen wurde, kamen Leute und sagten: „Ihr braucht jetzt Abwasseranlagen und neue Stromleitungen, Erdgas, Eure maroden Straßen müssen erneuert werden, und Ihr braucht Gewerbegebiete. Denn mit den Steuereinnahmen von den Gewerbetreibenden könnt Ihr das alles bezahlen!“. Das leuchtete den Leuten ein, denn die Straßen waren wirklich in kläglichem Zustand, viele hatten Klärgruben auf ihrem Grundstück, viele heizten mit dreckiger Kohle und dass das bezahlt werden muss, war auch klar.

Aber, was den Leuten nicht so richtig klar war, dass dafür der Bürgermeister die Taler nicht im Dorfsäckel hatte. Er musste das Geld leihen. Und dass neue Gewerbegebiete nur dann Steuereinnahmen bringen, wenn sich dort auch Gewerbetreibende ansiedeln. Und auch nur dann, wenn sie überhaupt dem kleinen Dorf steuerpflichtig sind. Und dass der Landesfürst  einige Gesetze schuf, um später mit den Talern der Einwohner dem Bürgermeister das Dorfsäckel füllen zu helfen, wenn das mit den Gewerbegebieten schief geht. Da gab es zum Beispiel ein Gesetz über Straßenbau-Beiträge.

Es gab aber Bewohner im kleinen Dorf, die erkannten, dass die Sache Haken hat. Es war die Rede von teuren Abwasser-Gebühren und Straßenbau-Beiträgen. Sie gründeten einen Arbeitskreis, trafen sich, führten Einwohnerversammlungen im großen Kino durch und lernten viel über die Finanzierung in dem großen Land, in dem sie jetzt lebten. Es gelang ihnen, die Abwasserbeiträge zu reduzieren, aber den Kampf gegen die Straßenbau-Beiträge verloren sie.

Im Dorf wurden nun Wohngebiete und Gewerbegebiete erschlossen, neue Gas- und Stromleitungen gebaut, eine Mensa für die Schulen gebaut und die Straße, die gen Westen führte, instand gesetzt. Dafür lieh sich der Bürgermeister viel Geld, weil das Dorfsäckel nicht gerade üppig mit Talern gefüllt war.

Nun begab sich aber, dass die neuen Gewerbegebiete nicht so richtig mit Gewerbe besiedelt wurden, die Wohngebiete sich auch nicht so richtig füllten, und der Bürgermeister die geliehenen Gelder trotzdem zurückzahlen musste. Die Einwohner merkten, dass irgendwas nicht mehr richtig lief. Das Land, was man den Bauern abgekauft hatte, blieb teilweise brach liegen und die instand gesetzte Straße gen Westen füllte sich mit immer mehr Verkehr. Die Fabriken in der nahen Stadt stellten fast alle Maschinen ab. Und die Arbeiter aus dem kleinen Dorf sahen, dass es keine Arbeit mehr in der nahen Stadt gab. Und das Bahnhofsgebäude des kleinen Dorfes verfiel zusehends.

Und unter diesen Zeichen kam es nach einer Dekade zu einer Bürgermeisterwahl. Die Einwohner waren mit dem, was sie sahen, nicht zufrieden, und wählten sich eine Bürgermeisterin. Diese besah sich das Dorf und das Dorfsäckel und stellte fest, dass tausende und abertausende Taler fehlten. Sie musste Berichte an den Landesfürsten und andere Ordnungshüter des Landes schicken und wurde beauftragt, das Dorfsäckel wieder mit Talern zu füllen, damit das geliehene Geld zurückgezahlt werden kann.

Das tat sie. Sie verkaufte Häuser und Grundstücke an neue Einwohner aus dem großen Land, die Gaststätten wurden von den neuen Einwohnern aus dem großen Land zu Wohngebäuden umgebaut. Und die Bürgermeisterin schickte den Bewohnern der Straße, die gen Westen führte, Briefe. In denen stand, dass jeder, der ein Grundstück an der Straße gen Westen sein Eigen nennt, Zehntausend Taler in das Dorfsäckel legen muss, weil ja die Straße so schön geworden sei. Das genügte zwar nicht ganz, war aber ein Anfang. Lange Jahre arbeiteten die Bürgermeisterin und ihre Helferlein am Füllen des Dorfsäckels, was auch gelang.

Aber seitdem hat das kleine Dorf keine Gaststätte mehr, die Züge fahren nur noch nach Osten und Westen, das große Bahnhofsgebäude wurde abgerissen, die kleine Eisenbahn sucht immer wieder ein neues Bahnhofsgebäude, eine Schule wurde geschlossen und verfiel, das Land, das mal den Bauern gehörte, füllte sich nur langsam mit Gewerbe und wenn die Leute arbeiten wollen, fahren sie weit weg. In der nahen Stadt stehen zwar noch die Gebäude des Betriebes, aber es gibt dort nur noch wenige Maschinen. Viele Geschäfte im kleinen Dorf sind geschlossen. Und das Kino? Es wurde abgerissen und die „Hoffnung“ ist dahin.

Und nun, zwei Dekaden später, begab sich wieder eine Zeit, in der das Dorfsäckel immer leerer wurde, und der Landesfürst den Bürgermeistern seines Landes vorschlug, zum Füllen der Dorfsäckel Gewerbegebiete zu erschließen. Und die Bürgermeister des kleinen Dorfes und der nahen Stadt folgten diesem Ratschlag… Denn die Straßenbau-Beiträge gibt es ja immer noch.

Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins Neue Jahr 2025 wünscht Euch

Bürgerinitiative Bürgerentscheid Arnsdorf.

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